Gemeinschaft . Vielfalt . Chancen
Schöne Ferien auch für die Kooperationsklassen in Gaustadt

Am 26. Juli fingen die Ferien an. Alle Kinder freuen sich, auch die Kinder aus der Grundschule Gaustadt und den Kooperationsklassen unserer Bertold-Scharfenberg-Schule, die dort gemeinsam lernen. Wie die Kooperation der zwei Schulen aussah, lässt sich am besten an einem Beispiel zeigen: 8.45 Uhr in der Grundschule Gaustadt an einem Mittwoch Vormittag - Die Klassenzimmer sind offen, Kinder sitzen an den Tischen und auf dem Boden und rechnen mit Hilfe von Steinchen; in den Nebenzimmern sind Kleingruppen, im Flur werden römische Ziffern sortiert. Die drei zweiten Klassen arbeiten an ihrem Lernweg. So nennt sich die Freiarbeit hier. Auf den ersten Blick ist es ein ganz schönes Gewusel, aber trotzdem ist es leise und es herrscht Arbeitsatmosphäre. Jedes Kind weiß, was es zu tun hat und arbeitet konzentriert an Arbeitsblättern oder mit dem Lernmaterial. Es gibt ein Zimmer, in dem gerechnet wird und zwei Zimmer, in denen es um Lesen und Schreiben geht. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten individuell und vertiefen den Lernstoff, die drei Klassenlehrerinnen sind Lernbegleiterinnen, helfen weiter und kontrollieren die Aufgaben. Und was ist das Besondere? Von den 55 Zweitklässlern haben 10 Kinder eine Behinderung. Das heißt, sie sind Schüler der Bertold-Scharfenberg-Schule, dem Förderzentrum mit Schwerpunkt geistige Entwicklung der Lebenshilfe, gehen aber in die sogenannte Partnerklasse, die 2 c, in der Grundschule in Gaustadt. Sie wurden alle gemeinsam eingeschult. Auch in der vierten Jahrgangsstufe gibt es eine Partnerklasse aus dem Förderzentrum und der gemeinsame Weg mit den Regelschulklassen begann in der ersten Klasse. „Für uns ist das ein ganz großes Glück, dass wir hier in Gaustadt die Möglichkeit haben unsere zweite und vierte Klasse zu beschulen. Schulische Inklusion in der Form der Partnerklassen ist für alle ein Gewinn, kann aber nur gelingen, wenn sich alle Beteiligten aufeinander einlassen. Hier in Gaustadt wurden wir von der Schulgemeinde und der Elternschaft mit offenen Armen empfangen und die Zusammenarbeit könnte nicht besser sein“, erläutert Peter Wambach, Rektor der Bertold-Scharfenberg-Schule.

Und dieses Konzept geht voll auf. Vor allem in den ersten beiden Schuljahren ist die Überdeckung des gemeinsamen Unterrichtens sehr hoch. Hier eine Beschreibung der Eindrücke eines Vormittages in der 2c: Die Kinder arbeiten zusammen, sie kennen sich. Es werden die gleichen Lernbereiche angeboten, auf unterschiedlichen Leistungsniveaus. Die Klassenlehrerin der 2c, Katharina Salzmann ist Sonderpädagogin und hat einen reichen Erfahrungsschatz, den sie auch gerne weiter gibt. Salzmann erläutert den Stundenplan: „Wir arbeiten in unseren Klassen an unserem jeweiligen Stoff. Im Durchschnitt zwei Stunden am Tag werden die Regelschüler und die Kinder mit Beeinträchtigung gemeinsam unterrichtet. Bei dem Lernweg und je nach Thema in Heimat- und Sachunterricht, Deutsch sowie Mathematik mischen sich alle drei Klassen. In Kunst, Musik und Sport hat die Partnerklasse immer eine feste zweite Klasse der Grundschule mit der der Unterricht zusammen stattfindet.“ Dabei erlebt die Sonderpädagogin immer wieder, dass die Kinder mit Förderbedarf sich an den anderen Grundschülern orientieren: „Ein paar meiner Schüler suchen sich schon mal eine für sie sehr schwierige Aufgabe aus, die ich ihnen als Lehrerin nicht gegeben hätte. Aber sie haben sie bei den anderen Zweitklässlern gesehen und wollen sie auch unbedingt lösen. Es ist toll, wie sie an den Aufgaben wachsen.“ Und nicht nur die Förderschüler profitieren, sondern auch die Regelschüler, wie die Rektorin der Grundschule, Susanne Dörfler darstellt: „Es ist faszinierend zu sehen, wie alle Kinder egal welcher Herkunft und welcher Begabung nebeneinander und miteinander arbeiten. Jeder kann hier irgendetwas vom anderen lernen. Sei es beim Lesen, Schreiben, Rechnen, der Arbeitshaltung oder im Umgang miteinander. Und das tut uns allen gut.“


Und auch die schwächeren Grundschüler haben bei dieser Arbeitsweise die Möglichkeit anhand von leichteren Aufgaben und dem Material aus der Förderklasse die Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen besser zu verstehen. Mit Montessori-Material arbeiten alle drei Klassenlehrerinnen, aber die Sonderpädagogin Salzmann hat mehr didaktisch reduziertes Material in ihrem Zimmer von dem die anderen auch öfter noch profitieren. „Wir können einem Kind, das etwas langsamer lernt auch mal einfachere Aufgaben geben“, erläutert Dörfler einen Vorteil der Kooperation, die seit 2015 läuft.

Nach dem Lernweg, wenn die individuellen Aufgaben erledigt sind, geht es um 9.50 Uhr in den drei Klassenzimmern weiter. Wieder sind die Klassen gemischt, heute geht es um Jahreszeiten, Wochentage und Bräuche. Jede Lehrerin macht im Sitzkreis eine Einführungsstunde für das jeweilige Thema. Dabei beantworten die Kinder Fragen, die ihrem Leistungsstand entsprechen. Sie erklären, was die Heiligen Drei Könige machen, wann man Erdbeeren pflücken kann oder welcher Wochentag heute ist.

Was für die Kinder Normalität ist, ist mittlerweile auch für die drei Lehrerinnen selbstverständlich geworden. Einmal in der Woche besprechen sie gemeinsam den Wochenplan. Sie berichten begeistert über die Erfolge, die sie durch die Zusammenarbeit der beiden Schularten erreichen. Frau Monika Mühlhölzl, Klassenlehrerin der 2 a, könnte sich die Arbeit gar nicht besser vorstellen: „Der Unterricht mit der Partnerklasse entschleunigt und macht sehr viel Spaß.“ Diese Freude ist an diesem Tag deutlich spürbar und zeigt sich im gut vorbereiteten Unterricht. Der Umgangston ist ruhig und freundlich. Die Kinder sind aufmerksam und arbeiten fleißig mit.

Die Schüler und Schülerinnen der vierten Klassen kennen sich schon ihr ganzes Schulleben lang. Von Beginn an wurden die zwei vierten Grundschulklassen und die Partnerklasse 4c gemeinsam unterrichtet. So konnte bereits in den ersten beiden Schuljahren eine erstaunliche Grundlage geschaffen werden, sowohl im Bereich des selbstständigen Arbeitens als auch ganz besonders im sozialen Umgang miteinander. Im dritten und vierten Schuljahr werden gemeinsame Lernzeiten weniger. Die Anforderungen an Regelschüler wachsen, der Übertritt an die weiterführende Schule steht bevor. Die gemeinsamen Unterrichtsstunden in Sport, Werken und sporadisch in Deutsch oder Mathematik genießen alle Schüler sehr. Und zusätzlich finden immer wieder gemeinsame Unterrichtsgänge, oder Aktions-Vormittage statt. So entsteht ein gutes Miteinander, das alle Schüler trägt! Auch am Nachmittag verbringen Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung zusammen Zeit, um an inklusiven Kulturprojekten der Lebenshilfe Bamberg teilzunehmen und mit einer Tanzpädagogin und zwei Künstlern zu arbeiten.

An diesem Mittwoch steht in den vierten Klassen Werkunterricht auf dem Stundenplan. Die Schüler sollen ein Daumenschälchen aus Ton töpfern. Nach einer kurzen verbalen Einführung durch die Lehrkraft der Grundschule und der Besprechung des Vorgehens anhand von Bildern können alle Schüler die Aufgabe in ihrem Tempo umsetzen. Selbstverständlich und mit klaren Regeln ist auch hier der Umgang untereinander: man hilft sich gegenseitig und es wird niemand ausgelacht, der weniger schnell arbeitet oder mehr Unterstützung benötigt.

An Veranstaltungen der Grundschule, wie Wandertage, Musicalaufführung oder Kunstprojekte nehmen die Kinder der Partnerklassen natürlich auch teil. Und die Grundschüler sind ab und an in die Lebenshilfe in der Moosstraße eingeladen, um dort an Aktionen wie beispielsweise zum Erntedank oder einem Spendenlauf teilzunehmen. Auch bei den Eltern ist das Partnerklassen-Modell sehr beliebt, ihre Kinder kommen mit dem System gut zurecht, kennen die Mitschüler aus den Parallelklassen und die Lehrerinnen sehr gut. Sie schauen über den Tellerrand und lernen voneinander. Das Sozialverhalten wird besser und die individuelle Förderung kommt nicht zu kurz. Die Schülerinnen und Schüler mit Behinderung fahren nachmittags in die Heilpädagogische Tagesstätte der Lebenshilfe. Dort werden sie weiter spielerisch gefördert und erhalten die notwendigen Therapien wie Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie.

Grundschulrektorin Frau Dörfler betont, wie wichtig die sonderpädagogische Didaktik auch für den Regelschulbereich ist, die jetzt durch Katharina Salzmann und Julia Otto (Klassenlehrerin der 4c) in ihrer Schule täglich greifbar ist. Denn es kommt immer wieder vor, dass die Grundschullehrkräfte dankbar sind, wenn jemand mit sonderpädagogischer Ausbildung auch ihre Schülerinnen und Schüler im Alltag beobachtet, seine Meinung äußert sowie Tipps geben kann. Zu den Sonderpädagoginnen in den Partnerklassen kommen aus der Bertold-Scharfenberg-Schule auch noch eine Kinderpflegerin, sowie Jahrespraktikantinnen dazu, die die Lehrerinnen unterstützen. Ein differenziertes Angebot und individuelle Unterstützung für einzelne Kindern ist so möglich. Die verschiedenen Fachrichtungen im Haus zu haben und interdisziplinär zu arbeiten ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden, die niemand missen möchte.

Rektorin Dörfler von der Grundschule Gaustadt und Rektor Wambach von der Bertold-Scharfenberg-Schule sind sich einig: Die Kooperation verläuft hervorragend und ist für beide Seiten ein großer Gewinn. Aufgeben möchte keiner von beiden die Zusammenarbeit und die nächste erste Klasse der Bertold-Scharfenberg-Schule wird wieder an der Grundschule in Gaustadt unterrichtet werden. Denn dann sind die jetzigen Viertklässler so weit, dass sie an die Mittelschule in Gaustadt wechseln und dort mit der fünften Klasse in die Partnerschaft treten. So wie gehabt: mal zusammen, mal gezielt alleine – auch so kann Inklusion in der Schule verstanden werden.

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